Interview mit Lars Ulrich im Rock Hard | 25.11.2004

  • Aus dem aktuellen Rock Hard Heft 211



    "METALLICA


    Fleisch muss heilen
    Ring frei zur zweiten Runde: Nach dem ausführlichen James-Hetfield-Interview in der letzten Ausgabe kommt nun Schlagzeuger Lars Ulrich zu Wort. Trotz des extremen Zeitdrucks - der Rest der Band wärmt sich bereits für die anstehende Show auf - erklärt sich Lars dazu bereit, zu einigen Fragen Stellung zu nehmen, und bittet im bandeigenen Speiseraum zum Gespräch.



    Nachdem er seine beiden nörgelnden Söhne in die Obhut des Kindermädchens übergeben und den Tourmanager herauskomplimentiert hat, lässt er sich seufzend in einen Sessel fallen und räumt hektisch die Plastikschwerter seiner Kinder vom Tisch.


    Lars, du hast auf dieser Tour deine beiden Söhne Myles und Layne dabei. Der Tourstress alleine reicht dir nicht?


    »Ach, das ist kein wirklicher Stress für mich. Wir haben ein Haus in Chicago gemietet und reisen zu den jeweiligen Shows an, die wir in diesem Gebiet spielen. Mir war es sehr wichtig, dass die beiden mitkriegen, was für einen Job ihr Vater hat. Sie bekommen hier ein ziemlich gutes Bild vom Tourgeschehen und können es besser verstehen, wenn ich sie mal wieder für einige Monate verlassen muss. Das macht es für alle einfacher.«


    War die Entziehungskur, die James durchgezogen hat - mit all ihren späteren Gesprächen, die ihr geführt habt -, letzten Endes auch für dich eine positive Erfahrung?


    »Absolut, denn sie war ein echter Augenöffner. Ich habe viel über James´ Probleme, über mich, Jason und natürlich auch Metallica gelernt. Besonders als James uns verließ und in die Klinik ging. Da beschäftigte ich mich mit Dingen, die mir vorher nicht bewusst waren, denn seine Probleme und Gefühle hatte er bis zu diesem Zeitpunkt ziemlich gut unter Verschluss gehalten. Diese Erkenntnis war anfangs schockierend, aber gleichzeitig eröffneten sich für uns auch neue Chancen, was die Zukunft METALLICAs und unseren Umgang miteinander betrifft. Wobei ich sagen muss, dass die Gruppentherapie nicht unbedingt dem Bild, das man beispielsweise aus Fernsehsendungen hat, entsprach. In den besten Momenten war es eher wie ein Think-Tank. Wir haben uns einfach zum Gedanken- und Ideen-Austausch getroffen, der sich natürlich größtenteils mit unseren Beziehungen untereinander und den damit verbundenen Kommunikationsstörungen beschäftigte. Man hinterfragt seine Handlungen und bekommt so langsam ein besseres Gefühl dafür, wie dein Gegenüber auf sie reagiert - oder eben nicht reagiert. Das ist eine Art intellektuelle Stimulation, die in meinem Fall dazu führte, dass ich mich konkret mit meiner Familie und meinem Aufwachsen in Dänemark auseinander gesetzt habe.«


    Augenscheinlich haben diese gemeinsamen Gespräche zu einem positiven Ergebnis geführt. Du hast wie James mit der bisher gültigen Regel der „demokratischen Diktatur“ gebrochen und bist für Ideen anderer Leute empfänglicher geworden.


    (Nachdenklich:) »Demokratische Diktatur - das gefällt mir gut. Nichts anderes war es. Wir haben nach Jasons Ausstieg diese Regel gebrochen, weil wir uns komplett neu orientieren mussten. Dabei hat uns auch Bob Rock geholfen, denn er wollte eine frische Herangehensweise an das neue Album. Bob ließ durchblicken, dass er nicht hundertprozentig daran interessiert war, wieder an einer der typischen, endlosen METALLICA-Produktionen teilzunehmen. Es ist schade, dass wir diesen Weg erst nach Jasons Ausstieg eingeschlagen haben, denn genau diese Arbeitsweise hat er immer von uns gefordert.«


    Das vor kurzem veröffentlichte Buch „The Good, The Mad, And The Ugly“ liefert dem Leser einen ziemlich guten Einblick in das Innenleben METALLICAs und die Charaktere der einzelnen Musiker. Du wirst als Person beschrieben, die für die geschäftlichen Dinge zuständig ist. Was fasziniert dich am Business?


    »Ich glaube, dass besonders in Amerika die Leute dazu neigen, jede Einzelperson mit einem bestimmten Aufgabenfeld in Verbindung zu bringen. Das erleichtert es ihnen ungemein, den Überblick zu behalten, denn die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt sich immer mehr, was letzten Endes zu Vereinfachungen führt. Also setzt man sich hin und ordnet bei der Charakterisierung der einzelnen METALLICA-Musiker jedem einen gewissen Aufgabenbereich zu. Mich auf das bloße Business zu reduzieren, wird der Sache aber nicht gerecht. Ich beschäftige mich mit einer Unmenge anderer Dinge. Genauso wenig kann man Kirk als relaxten Hippietypen bezeichnen. Ich bin derjenige, der sich mit den geschäftlichen Details auseinander setzt, aber wenn es um wichtige Entscheidungen geht, treffen wir die gemeinsam als Band.«


    Ich habe die Frage gestellt, weil es mich interessiert, wie aktuelle Verkaufszahlen an euch übermittelt werden. Schickt man euch jeden Monat eine Abrechnung, oder habt ihr jemanden, der mehrmals im Jahr anruft und sagt: Glückwunsch, es gibt wieder zehn neue Gold- und Platin-Awards!


    »Nein, so läuft das nicht, und Geldfragen interessieren mich auch nicht wirklich. Das ist nicht der Teil des Geschäfts, mit dem ich mich befasse. Ich habe zu Geld immer noch die gleiche Beziehung wie zu Beginn unserer Karriere: Ich denke nicht groß darüber nach. Was mich fasziniert, sind zukünftige Projekte oder unsere aktuelle Tour. Die Show in Quebec war innerhalb eines Tages ausverkauft, also stellt sich für mich die Frage, ob wir da einen Zusatzgig spielen oder lieber in Halifax auftreten. Eine Alternative wäre Moncton. Da passen 9.000 Leute in die Halle, in Halifax 11.000. Aber wir haben in Moncton Probleme mit der Dachlast. Dort können wir unser Equipment nicht problemlos unter die Decke hängen. Also entscheidet man sich doch für Halifax. Mit dieser Art von geschäftlichen Entscheidungen setze ich mich auseinander. Oder mit der Frage, wie die Menüs und Extras bei der im Frühjahr erscheinenden „Some Kind Of Monster“-DVD aussehen sollen.«


    Es ist allgemein bekannt, dass du ein fanatischer Sammler von METALLICA-Devotionalien und -Bootlegs bist. Da passt es nicht ins Bild, dass Rechtsanwälte in eurem Auftrag die einschlägigen Internetbörsen beaufsichtigen und Leuten verbieten, alte METALLICA-Vinyl-Bootlegs zum Verkauf anzubieten.


    »Da hast du allerdings Recht. Eigentlich verfahren wir so, dass wir niemanden verfolgen, der so etwas tut. Zumindest gibt es von uns keine Ansage in dieser Richtung. Wir schauen aber genau ins Internet, um zu verhindern, dass Leute gefälschte Sachen zum Verkauf anbieten. Da werden manchmal Dinge angepriesen, die wir nachweislich nie in den Händen hatten. Um zu den Vinyl-Bootlegs zurückzukommen: Ich sammle die Teile selbst, und wir haben die Fans immer dazu ermutigt, sie sich zuzulegen. Um ehrlich zu sein: Das Internet ist einfach nicht zu kontrollieren, und es ist extrem schwierig, für alles, was zum Verkauf angeboten wird, eine Maßnahme parat zu haben.«


    Kommt diese Ansage dann vielleicht sogar eher von eurer Plattenfirma?


    »Kann gut sein. In solche Angelegenheiten sind dermaßen viele Leute verwickelt, da verliert man schnell den Überblick. Aber auch, wenn die Öffentlichkeit vermutlich eine andere Meinung von mir hat: Ich verbringe nicht endlose Stunden vor dem Computer, um anschließend Leute zu verklagen. Ich konzentriere mich auf unsere Konzerte und versuche, meine Kinder, die in „Star Wars“-Kostümen um mich rumspringen, sinnvoll zu beschäftigen.«


    Was bei eurem Buch auffällt, ist die Tatsache, dass ihr keine Fotos von Ross Halfin verwendet habt. Ich weiß, dass ihr mit ihm Probleme hattet, aber nichtsdestotrotz war er lange Jahre euer Haus- und Hoffotograf.


    »Ja, wir haben uns gestritten. Aber trotzdem mag ich seine Bilder, denn in den achtziger und einem Großteil der neunziger Jahre war er der angesagteste Heavy-Metal-Fotograf. Als wir Mitte der Neunziger anfingen, unser Image zu verändern, weil wir uns etwas festgefahren hatten, haben wir auch mit anderen Fotografen zusammengearbeitet, und ich glaube, dass uns Ross das übel genommen hat. Er verlor seine Exklusivität, und wir haben mit einigen Interviewaussagen zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Von daher ist unsere Beziehung momentan nicht existent. Aber wir haben uns bereits darüber unterhalten, ob wir uns nicht mit ihm aussöhnen sollen. Es hat bisher einfach noch nicht gepasst.«


    Wie geht es jetzt weiter mit METALLICA? In einem Interview hast du gesagt, dass du dich schon auf die nächste Platte freust und neugierig bist, wie sie klingen wird. Das sind wir auch. Hast du schon irgendwelche Vorstellungen?


    »Es gibt bereits eine Menge guter Ideen, und auch Rob bringt sich voll ein. Erstmalig haben wir auf dieser Tour ein kleines Pro-Tool-Studio dabei. In diesem „Jam Room“ wärmen wir uns vor der Show auf und experimentieren mit einigen Riffs.«
    (Der Tourmanager schneit rein: „Lars, let´s go! Showtime in 30 minutes.“)
    »Einen Moment noch, ich komme gleich. Wo waren wir stehen geblieben?«


    Beim „Jam Room“.


    »Ja, das ist eine feine Sache. Du hast dir übrigens eine gute Show ausgesucht, denn heute spielen wir ´Some Kind Of Monster´ erstmalig live. Allerdings nur, wenn wir das Stück gleich bei der Probe hinkriegen, hahaha! Wir sind jetzt seit 15 Monaten auf Tour, haben noch drei weitere vor uns, und ich freue mich jetzt schon auf die neue Scheibe. Das war nicht immer der Fall. „St. Anger“ war für uns dahingehend wichtig, dass es ein Statement war. Wir mussten dieses Album einfach machen, um uns und den Fans zu beweisen, dass wir auf diese spontane Art eine Platte aufnehmen können. Beim nächsten Mal werden wir verschiedene Sachen probieren, und ich glaube nicht, dass die Platte so eindimensional wie „St. Anger“ ausfallen wird. Aber vermutlich erzählt dir jeder Musiker, dass seine nächste CD härter und anders als die vorherige klingt, oder? So einen Mist werde ich jetzt nicht von mir geben. Fakt ist, dass Rob eine echte Bereicherung für uns ist und wir auf einem guten Weg sind. Unsere momentane Situation ist weitaus besser als früher, und das weiß jeder zu schätzen. Die Stimmung in der Band ist super, und dieses Gefühl gilt es mit in die Aufnahmen zu nehmen.«
    (Tourmanager: „Lars, es wird Zeit!“)
    (Ulrich rollt mit den Augen:) »Ja, ja!«


    Also kann man von einer Wiedergeburt METALLICAs reden?


    »Ja, definitiv. Das mag sich zwar klischeehaft anhören, aber so ist es. Hey, wir sind jetzt seit 23 Jahren zusammen, und die Band ist in Top-Form. Ich beziehe das jetzt auf unseren psychischen Zustand, denn natürlich kämpfen wir mit Wehwehchen wie meinen kaputten Händen (er zeigt seine aufgeplatzten und schwieligen Handflächen), James´ Stimme oder Robs Rücken. Unser Masseur hat auf dieser Tour den härtesten Job. Nach den Shows muss er Schwerstarbeit leisten.«


    Überhaupt sind eure Liveshows so gut wie seit Jahren nicht mehr. Die Konzerte in Europa waren in erster Linie der Auslöser für die Titelstory im letzten Heft.


    »Vielen Dank. Wir fühlen uns tatsächlich frischer und energiegeladener als vor zehn Jahren. Dieser Teil der Tour läuft erst seit knapp einer Woche, und wir haben noch körperliche Probleme. Aber ich denke, das liegt am Alter. Unser Heilfleisch ist nicht mehr so gut wie früher. Es wird Zeit, diesen Job an meinen Sohn Myles zu übergeben, hahaha!«"

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