SKOM-Review in Welt am Sonntag

  • Rocker in der Gruppentherapie



    Dokumentarfilme über Popmusiker gelten als bloße PR-Werkzeuge. Bei der Heavy-Metal-Band Metallica geriet die Selbstdarstellung zum Psychotrip

    Eigentlich waren Joe Berlinger und Bruce Sinofsky nur engagiert worden, um einen Film über eine Rockband anzufertigen. Ein Promotion-Werkzeug zur Vermarktung einer Platte. Doch dann, nach einem nicht mal sehr heftigen Streit, steht der Sänger auf und schlägt mit einem saftigen "Fuck!" die Tür hinter sich zu. Er bleibt ein ganzes Jahr verschwunden.



    Es geht um die erfolgreichste Heavy-Metal-Band aller Zeiten: Metallica. Und der Abgang ihres Sängers ist die Schlüsselszene des gerade angelaufenen Dokumentarfilms "Some Kind of Monster": Er gewährt Einblicke in künstlerische Schaffensprozesse und den Kampf ausgeprägter Persönlichkeiten mit den eigenen Dämonen. Denn das Management hatte der Band einen Psychotherapeuten beigestellt, weil das fragile Gefüge dreier musizierender Multimillionäre dringend der Stabilisierung bedurfte.



    Eine sonderbare Vorstellung: Die "härteste Band der Welt", die wegen ihrer Exzesse auch "Alcoholica" genannt wird, begibt sich auf die Couch zur Gruppentherapie. Da muss dann etwa Leadgitarrist Kirk Hammet ein "Mission Statement" niederschreiben: "Während unserer Reise, manchmal durch Schmerz und im Streit, haben wir die wahre Bedeutung von ,Familie" erkannt."



    Kern dieser faszinierenden Dokumentation ist der Titanen- und Hahnenkampf zwischen Sänger James Hetfield und Schlagzeuger Lars Ulrich, die Metallica vor über 20 Jahren gründeten. Zwei leidlich sympathische, riesenhafte Egos, die ihre gegenseitige Abneigung nur schwer verbergen können.



    Mit der ganzen Umständlichkeit kommunikationsunfähiger Macho-Rocker versuchen sie sich bei den Proben mit Samthandschuhen anzufassen und reagieren doch auf jede noch so leise Kritik des anderen irrational und gereizt.



    Im Verlauf der zweijährigen Produktions- (und Therapie-)zeit entwickeln die Musiker dann aber auch erstaunliche Offenheit - sich selbst wie auch der Kamera gegenüber. Etwa wenn Lars Ulrich über seine Ängste spricht, im Kreativwettbewerb mit den Bandmitgliedern auf der Strecke zu bleiben. "Es ist wie ein Rennen gegen die Zeit. Dann werde ich ein selbstsüchtiges Arschloch". Schon okay - Aggressivität ist eine Angstreaktion, sagt der Therapeut im Branchenjargon - ausgerechnet zum schwitzenden Schlagzeuger einer Heavy-Metal-Band.



    In einer kuriosen Situation am Ende des Films kehrt sich das Abhängigkeitsverhältnis von Therapeut und Patient um: So sehr hat sich der Doktor an seine harten Jungs gewöhnt, dass er es nicht wahrhaben will, als sie ihn in der Studioküche mit der schmerzhaften Realität der Abnabelung konfrontieren. Woody Allen hätte es nicht besser erfinden können.



    "Some Kind of Monster" gehört nicht zu jenen Filmen wie "Buena Vista Social Club" oder der Blues-Reihe von Martin Scorsese, die in der Form der liebevollen Hommage etwas für die Nachwelt bewahren wollen. Berlinger und Sinofsky haben vielmehr das Genre der "Rockumentary" wiederbelebt, dem Dokumentarfilm in einem besonders aufgeladenen Milieu. Die Beatles in "Let it Be" (1970), die Stones ins "Gimme Shelter" (1970) oder der völlig benebelte Bob Dylan in "Eat the Document" (1972), sie alle erlaubten eine mehr oder weniger schonungslose Nähe, die heute in der Reality-Soap "The Osbournes" nur simuliert wird.



    Derartige Filme wagen den schwierigen Balanceakt zwischen Heiligenverehrung und Heldenentblößung - und das Interesse daran steigt. Auf dem Filmfest in Locarno wurde gerade "Dig!" gezeigt, eine in siebenjähriger Arbeit entstandene Dokumentation über die "Dandy Warhols" und "Brian Jonestown Massacre" - zwei ausgesprochen talentierte Bands, die einander in Hassliebe verbunden sind und zwei derart gegensätzliche Karrierewege gingen, als wären sie für ein Lehrvideo der Popakademie erfunden worden.


    Doch näher als der Pianist João Carlos Martins, ehemals gefeierter Bach-Interpret aus Brasilien, hat wohl noch kein Künstler die Kamera an sich herangelassen. "Martins-Passion" (Filmstart am 9. September) dokumentiert den quälenden Niedergang seines Spielvermögens durch Unfälle und Nervenkrankheiten. Wie sich dieser leidenschaftliche Kunstmensch jedem der traumatischen Rückschläge mit einem triumphalen Comeback entgegenwirft, wie er am Ende mit zwei Daumen mit Jazz-Legende Dave Brubeck improvisiert - das berührt tief und wirkt lange nach.


    Sebastian Handke


    Quelle: http://www.wams.de/data/2004/08/29/325401.html

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