LARS ULRICH INTERVIEW

Metallica-Drummer Lars Ulrich hat einen unerschütterlichen Ruf als Giga-Großmaul. So ist es auch kein weiteres Wunder, daß er schon sämtliche Frauen der westlichen Welt im Hotelfahrstuhl niedergestreckt haben will und die Kollegen von Anthrax mittelfristig als Pizzataxifahrer versklavt hat. Warum jedoch Carsten "small talker" Kleine auf gut 50 Prozent aller klassischen Schwatzkasten-Daumenschrauben verzichtete, mit denen man den passionierten Porschefahrer und Ölschinkensammler mal so richtig zum Sprechen hätte bringen können, ist uns leider ein fast so unlösbares Rätsel wie Hansis übermenschliches neues Online-Quiz...

Wo bist du aufgewachsen?

"In Kopenhagen, Dänemark. Aber wirklich großgeworden bin ich auf der "Master Of Puppets"-Tour, als wir Ozzy supportet haben."

Warst du in der Schule eher ein blasses, ruhiges Bübchen oder ein Haudraufundschluß-Ungeheuer?

"Ich war immer derjenige, der die Leute dazu angestiftet hat, Blödsinn zu machen. Auch die ganzen Streitereien habe ich angezettelt. Allerdings hab ich immer darauf geachtet, daß die anderen sich prügeln."

Warst du ein guter Schüler?

"Ich war insofern ein guter Schüler, als daß ich sehr interessiert und neugierig war. Mein größtes Problem war mein eingeschränktes Konzentrationsvermögen. Das ist heute auch noch so: Wenn mich etwas interessiert, begeistert oder fasziniert, kann ich wie ein Besessener bei der Sache sein und bis ins kleinste Detail alles in mich aufsaugen. Umgekehrt verliere ich sehr schnell jegliches Interesse. Dann fällt es mir schwer, mich auf diese Dinge zu konzentrieren. In der Schule mußte ich regelrecht dazu gezwungen werden, mich auch mit Themen zu befassen, die mir nicht so sehr lagen."

Hattest du ein Idol zu dieser Zeit?

"Ja, den argentinischen Tenniskönig und interkontinentalen Playboy Guillermo Vilas. Eigentlich standen Eis-Björn Borg, Dribbelgott-Winzling Allan Simonsen von Borussia Mönchengladbach und der Speedwayfahrer Ole Olsen bei meinen Freunden am höchsten im Kurs. Aber Guillermo Vilas hat mich irgendwie fasziniert. Als Musiker war es sicherlich Ritchie Blackmore. Meine sogenannten Idole haben immer sehr schnell gewechselt, aber Ritchie hat mich besonders beeindruckt."

Hast du es jemals bereut, ein Rockstar geworden zu sein?

"Oh ja, das tue ich jeden Tag, haha."

Wärst du lieber ein Tennisstar geworden?

"Um Gottes willen, das wäre ja noch schlimmer. Spaß beiseite: Natürlich bereue ich nicht, Rockstar geworden zu sein. Ich lebe nicht in der Vergangenheit und denke somit auch nicht ständig darüber nach, was gekommen wäre, wenn ich mich anders verhalten hätte. In gewisser Weise befinde ich mich ja in einer perfekten Situation. Alle Tennisspieler, für die ich früher geschwärmt habe, kommen jetzt zu unseren Shows und blicken zu mir auf. Das ist schon cool. Außerdem kann man im Musikgeschäft länger aktiv sein als im Tennis. Viele fallen nach Beendigung ihrer aktiven Karriere in ein Loch, obwohl sie noch ziemlich jung sind. Da habe ich es ein bißchen besser."

Wurdest du jemals verhaftet?

"Ja, zweimal. Aber für eher unspektakuläre Vergehen. Einmal wanderte ich in den Knast, weil ich auf der Straße ein Bier getrunken habe, was in den Staaten verboten ist. Das zweite Mal ging's hinter schwedische Gardinen, als Hetfield und ich vor einem Club herumlungerten und nicht nach Hause gehen wollten, obwohl die Bullen uns dazu aufforderten. Lächerlich. Sowas gibt es wahrscheinlich nur in Amerika und irgendwelchen verschissenen Diktaturen."

Wie sah es in eurem übelsten Proberaum aus?

"Eigentlich waren alle akzeptabel. Der schlimmste war in New York, im "Music Building", wo wir im Frühjahr '83 eine Zeitlang probten. Anthrax brachten uns dort immer Essen vorbei. Es gab keine Heizung und kein fließendes Wasser."

Welchen Metallica-Song magst du am liebsten?

"Bleeding Me."

Gibt es einen Metallica-Song, von dem du dir wünschst, ihr hättet ihn niemals aufgenommen?

"Dyer's Eve. Dann müßte ich mich nicht ständig mit den Leuten rumquälen, die immerzu fragen, warum wir den Track nie live spielen. Richtig hassen tue ich keinen unserer Songs. Aber die ständige Fragerei nach Dyer's Eve geht mir doch ziemlich auf den Sack."

Hast du einen peinlichen Lieblingssong?

"Mir ist nichts peinlich. Ich mag Livin La Vida Loca von Ricky Martin, das ist vielleicht ein wenig peinlich. Wir hatten heute eine ausführliche Diskussion darüber im Flugzeug. Man kann Ricky Martin-Songs entweder mögen oder nicht. Jedenfalls konnten wir uns noch nicht mal darauf verständigen, ob die Komposition als solche gut ist, oder ob's nur daran liegt, daß man den Interpreten nicht mag. Im Fußball gibt es zum Beispiel mehr Möglichkeiten, nüchterner zu urteilen. Da kann man sagen: Peter Schmeichel war ein super Torwart, aber ich kann ihn nicht ausstehen. In der Musik gelangt man sehr schnell an den Punkt, an dem man "Das ist scheiße!" sagt, ohne sich mit dem Songwriting oder der Soundqualität zu befassen. Generell muß ich aber sagen, daß ich mich niemals davor fürchte, zu meiner Meinung zu stehen. Manchmal dränge ich sie meinen Kumpels auch einfach auf, haha."

Was hältst du von Groupies?

"Ich finde Groupies großartig. Das Konzept ist einfach klasse: Da kommen haufenweise Frauen angekrochen, die dich nur deshalb ficken wollen, weil du in einer bestimmten Band spielst - und nicht etwa wegen deiner Persönlichkeit oder ähnlichem. Das ist klasse für den kurzfristigen Spaß. Wir reden hier zwar über Sachen, die zehn Jahre zurückliegen, aber damals hatte ich nichts dagegen, daß die Damen uns gerne besuchten. Das Ganze ist eine aufregende Seite der Sexualität, die durchaus entdeckungswürdig ist."

Wie bekommst du Metallica und deine Familie unter einen Hut? Hast du oft Heimweh?

"Es ist hart. Nicht unerträglich, aber hart. Das Schlimmste an unserer Situation ist, daß meine Frau noch viel härter arbeitet als ich, weil sie Ärztin ist. Sie arbeitet verdammt viel. Die Freundinnen und Frauen der anderen Jungs haben meistens die Zeit, um mitzureisen. Meine Frau hingegen kann das nie, da sie ihre eigene Karriere zu bewältigen hat. Wir versuchen das Beste aus der Situation zu machen, aber man kann sich ja vorstellen, daß unsere Alltagsgestaltung nicht gerade einfach ist."

Was ist für dich das Wichtigste im Leben?

"Meine Frau, mein Sohn und wahrscheinlich Freiheit. Es ist großartig, über kreative, musikalische, politische und finanzielle Freiheit zu verfügen. Man muß sich aber jeden Tag vor Augen halten, was für ein großes Glück man hat, diese Freiheiten genießen zu können. Egal ob im Großen oder im Kleinen. Wir sind schon sehr glücklich über unsere Situation. Wir können aufnehmen, solange wir wollen, nehmen uns alle erdenklichen musikalischen Freiheiten heraus - das ist einfach cool."

Bist du religiös?

"Nein, nicht im herkömmlichen Sinne. Das heißt aber nicht, daß ich unreligiös bin. Ich habe einfach noch keine wirklich spezielle Meinung zum Thema Religion für mich ausgearbeitet. Ich glaube, es gibt schon so etwas wie eine höhere Macht, die irgendwo lauert. Das kann Gott sein oder irgendwas anderes. Gott ist meiner Meinung nach einfach ein Wort, nach dem die Leute gesucht haben, um zu erklären, woran sie glauben. Ich weiß nicht, welche Kraft das ist, die einen leitet."

Mit welcher Frau würdest du gerne mal in einem Aufzug steckenbleiben?

"Ich bin schon mit den meisten steckengeblieben. Ich habe meinen Spaß gehabt; in Aufzügen und an den verschiedensten anderen merkwürdigen Orten, so daß ich in dieser Beziehung mittlerweile leiser trete. Im Moment fällt mir niemand ein."

Mit wem würdest du auf keinen Fall in die Sauna gehen wollen?

"Da gibt's 'ne ganze Menge Spinner. Aber vor allem nicht mit der "Kerrang!"-Redaktion oder unserem Stamm-Fotografen Ross Halfin."

Wie würdest du reagieren, wenn Kirk wie vor 13 Jahren auf einmal wieder in Stretchhosen und Lederjacke rumlaufen würde?

"Ich würde mich totlachen. Ich würde einiges dafür geben, ihn noch mal in den weißen Lederstiefeln zu sehen, die er damals auf dem Kensington Market gekauft hat. Wir haben vor zwei Jahren eine Fotosession für unser "So What?"-Fanclub-Magazin gemacht, wofür wir das ganze alte Zeug hervorgekramt haben: die ganzen Lederjacken, Saxon-T-Shirts und so weiter. Dazu trugen wir Langhaarperücken. Das war spaßig."

Welcher Song sollte auf deiner Beerdigung laufen?

"It's So Easy von Guns N'Roses ist der erste, der mir einfällt."

Welchen eurer Auftritte empfindest du im nachhinein als den schlimmsten?

"Das war während der "Black Album"-Tour. Ich saß mit meiner Schießbude auf einem multifunktionalen Drumriser. Die Hydraulik von dem Ding war nur leider ein bißchen im Arsch. Bei irgendeiner Nummer tauchte ich plötzlich mitsamt Drumkit unter die Bühne. Da saß ich nun und spielte vom Keller aus weiter. Das war schon ziemlich blöd."

Welche drei Platten würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

""Dirt" von Alice In Chains, "Appetite For Destruction" von Guns N'Roses und und "Definitely Maybe" von Oasis."

Welchen Act würdest du am liebsten für dein eigenes Label signen?

"Axl Rose. Ich würde ihm sagen: Krieg endlich deinen Arsch hoch und mach 'ne Platte. Die Leute warten schließlich seit bald zehn Jahren drauf. Schätze aber, daß ich noch viele, viele Male mit meinen antiken spitzen 80er-Stiefeln in besagten Arsch reinkicken müßte, um ihn tatsächlich in Schwung zu bringen. Das Unternehmen würde bis zu 'ner fertigen Platte also wahrscheinlich immer noch 'ne Ewigkeit dauern."

Würdest du deinen fahrstuhlgeprüften Eumel jemals für eine Posing-Session im "Playgirl"-Magazin aus deiner "Doppelripp mit Eingriff" zerren?

"Eine Sache habe ich in meinem Leben gelernt: Sag' niemals nie. Für die richtige Summe würde ich's wahrscheinlich machen. Ich bin allzeit bereit und billig."

Bist du geldgeil?

"Nein, aber wenn mir jemand eine Million Dollar bietet, damit ich meine Hosen fallen lasse, würde ich es machen. Das heißt nicht, daß ich das Geld nötig hätte oder den Hals nicht voll kriegen kann. Aber ich lache mich ins Fäustchen, wenn die Leute von den Sachen, die ich anstelle, so richtig auf dem falschen Fuß überrascht werden. Wie schon gesagt: Ich bin derjenige, der die Leute immer anstachelt und aufhetzt - und von daher auch stets gut für eine eigene kleine Mutprobe."

Was ist dein stärkster Charakterzug?

"Willenskraft, gepaart mit Zielstrebigkeit. Wenn ich von etwas überzeugt bin, gehe ich dafür durch Wände. Außerdem bin ich extrem geduldig, furchtlos und hartnäckig."

Und deine schwächste Eigenschaft?

"Die schon erwähnte Konzentrationsschwäche. Viel schlimmer ist jedoch, daß ich sehr, sehr kalt und emotionslos werden kann, vor allem dann, wenn ich gestreßt bin. Ich werde dann schnell verdammt hart und ungerecht. Wenn ich mir selbst viel abverlange, verlange ich auch anderen das Letzte ab. Für die meisten Leute ist es sehr schwer, damit umzugehen. Ich habe die Fähigkeit, meine Gefühle auszuschalten. Dann gibt es kein "Hi, wie geht's?" oder andere Höflichkeiten, sondern nur noch: "Okay, let's get this fuck done.""

Hast du irgendein merkwürdiges Hobby?

"Ich sammle Zeitungen mit dicken Schlagzeilen über weltbewegende Themen. Zum Beispiel die von jenem Tag, nachdem die NATO begonnen hatte, Jugoslawien zu bombardieren. Oder jene, die mit der Nachricht kam, daß die Eröffnung des Amtsenthebungsverfahrens gegen Bill Clinton gescheitert war. Eigentlich mache ich das aus keinem bestimmten Grund. Vielleicht setze ich mich irgendwann in ein paar hundert Jahren mal hin, lese den ganzen Krempel durch und denke mir: Was ist das für eine Scheißwelt, in der wir da leben."

Als was würdest du gerne wiedergeboren werden?

"Als Vince Neil."

Hä?

"Vince Neil ist einer dieser Typen, die mit einem Hufeisen im Arsch geboren wurden. Er ist dauernd in Unfälle verwickelt und hat immer Glück dabei. Er macht nichts anderes, als in dieser Scheißband zu singen, und kriegt trotzdem alle Frauen ab. Er ist der größte Glückspilz aller Zeiten."

Carsten Kleine (Rockhard 153)

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