METALLICA LADEN NACH

Sausalito, Kalifornien. Tatort: "The Plant". Zeit: 10.15 Uhr morgens. Im Kontrollraum hocken ein paar mehr oder weniger gejetlagte Schreiberlinge eng beisammen und warten gespannt auf den ersten sonischen Einblick in das möglicherweise kontroverseste Metal-Album des Herbstes. Seit nunmehr 14 Wochen basteln METALLICA ein paar Meilen südlich von San Quentin, wo Charles Manson haust und einige hundert Häftlinge auf ihre Hinrichtung warten, am Nachfolger von "Load". Sechs Songs sind schon im Kasten; sieben weitere müssen bis spätestens Mitte Oktober folgen, ehe es für das Mastering nach New York geht.

D-Day ist der 18. November, offizieller Erstverkaufstag von "Reload". Ein Tag, an dem sich für viele Fans - speziell die Anhänger, die dem Quartett aus San Francisco nicht erst seit dem megaerfolgreichen "schwarzen Album" und Hits wie 'Nothing Else Matters' die Treue halten - entscheidet, ob METALLICA endgültig auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit sind oder "Load" ein einmaliger (verzeihbarer) Fehltritt war, wie ihn sich jede Band im Laufe ihrer Karriere irgendwann mal leistet.

Ein erster Vorgeschmack in Form von 'Devil Dance' und 'Fuel', die METALLICA beide schon live gespielt haben und die Internet-Surfern eventuell teilweise vertraut sind, verspricht schon mal einiges. Gerade 'Fuel', mit dem wir im Studio als [right]../gallery/userImages/67/1122-67192b47.jpg[/right]erstes konfrontiert werden, läßt keine Wünsche offen: Ein 'Breadfan'-mäßiges Riff, kantig und roh produziert, und das Tempo ist durchweg im schnelleren Bereich. Hetfield und Co. treten endlich wieder so richtig Sitzfleisch! "Fuckin' Metal, dude! Still alive and well in Sausalito, boooy!" bricht ein gutgelaunter Jason Newsted hinterher beim Interview in ein hämisches Lachen aus. "'Fuel' ist der schnellste Song auf dem Album und klingt wie cooler englischer Heavy Metal. 'Devil Dance' ist runtergestimmt, mit verzerrtem Bass und ebenfalls ziemlich metallisch. Es ist übrigens der erste Titel in der Geschichte von METALLICA mit dem Wort "Teufel". Kinda cool, eh?"

Wenig überraschend, dass diese Entwicklung nicht bei allen Fans auf Begeisterung trifft. Viele von ihnen haben Identifikationsprobleme oder sind nicht bereit Veränderungen mitzumachen. Es gibt Leute die Scheisse reden und nicht merken, wo wir uns hinbewegen. Aber man braucht keine langen Haare zu haben um sich beim Headbanging den Kopf abzuschrauben. Mag sein, dass es auf Fotos cooler aussieht, aber es geht eher darum, wie man sich fühlt, wenn man spielt. Und was das betrifft, geben sich Metallica mit "S&M" zuversichtlich. Zu Recht: Das ganze ist mehr als eine Greatest Hits Kopplung im klassischen Gewand. Es ist ein Experiment sowie ein Mittel zur Selbstverwirklichung. Und allein diese Risikobereitschaft unterscheidet die Frisco Four von vielen anderen Musikern (nicht nur) ihren Genres.

Surprise, surprise! Während sich vor allem Drummer Lars Ulrich in jüngster Zeit alle Mühe gegeben hat, METALLICA in einem anderen Licht zu präsentieren und das "M"-Wort zu vermeiden, scheint Newsted diesbezüglich keine Berührungsängste zu haben. "Wir werden immer eine Metal-Band sein. Ich meine, das ist das, was wir am besten können. Wie die Leute es letztendlich nennen, ist scheißegal, aber Metal ist nun mal unser Ding, das sind wir", redet Jason Klartext. "Daß wir mit unserem Sound jetzt mehr Airplay bekommen und für ein breiteres Publikum genießbar geworden sind, soll uns nicht daran hindern, Sachen wie 'Whiplash' oder 'Master Of Puppets' auch weiterhin zu crushen.

Ich persönlich ziehe für das, was wir mit METALLICA machen, den Begriff "Heavy Music" vor. Das kommt dem Ganzen einfach näher, denn ein Stück wie z.B. der Hurdy-Gurdy-Song (Titel wollen die Jungs keine rausrücken - d.Verf.) hat nicht unbedingt viel mit Metal zu tun, strahlt aber von der Stimmung und vom Text her eine coole, wirklich berührende Heaviness aus. Wir haben den Track komplett live eingespielt und nur zehn Takes dafür gebraucht, was für uns im Studio verdammt gut ist, haha! James schwebte bei dem Song eine Art Village-Jam vor, und er hat sich speziell dafür bei Sears eine dieser 25-Dollar-Gitarren besorgt; ich spielte einen alten Ampeg-Bass, Kirk ebenfalls irgendwas Komisches und Lars diverse Tamburine und ähnliches."

Die-hard-METALLICA-Fans werden mit diesem Abstecher in Ethno/Folk-Gefilde - gelungene Instrumentierung hin oder her - wahrscheinlich genausowenig warm werden wie zuvor mit dem Country-Flair von 'Mama Said'. Das hat aber den Vierer bisher bekanntlich noch nie davon abgehalten, unbeliebte Wege zu gehen, anstatt auf der Stelle zu treten.

"Was für uns zählt, ist, unseren Horizont zu erweitern, zu experimentieren, voranzukommen und ständig zu wachsen", faßt Jason die Philosophie der Metalli-Men zusammen. "Hätten wir diese Songs vor anderthalb Jahren mit dem "Load"-Material verbraten, würde sich das alles wie ein einziges, großes Package anhören. In der Zeit, seit wir das letzte Mal hier waren, sind wir aber auf Tour gewesen, haben neue Leute getroffen, Bücher gelesen, Unmengen Musik gehört, neue Bands und Musiker entdeckt, versucht, uns zu verbessern und von den alten Meistern zu lernen. Wenn man dann ins Studio kommt, seine Parts drauf hat und alles Neue ins alte Black Sabbath-Fundament absorbiert, färbt das ab. Die Songs, die du heute gehört hast, klingen definitiv anders als die auf "Load". Die Wurzeln sind zwar immer noch klar zu erkennen, und die Basis ist in etwa dieselbe, aber in Sachen Experimentierfreude, Risiko und Ausführung gibt es deutliche Unterschiede zwischen beiden Scheiben."

Interessanterweise bekommt man von Lars Ulrich, der zusammen mit Kollege Hetfield und Bob Rock auch diesmal wieder als Co-Produzent fungiert, auf die Frage nach den Unterschieden zwischen "Reload" und "Load" eine etwas andere Antwort. "Mein Ziel war es, "Reload" fertigzustellen und hinterher zwei ausbalancierte Alben anstelle einer A- und einer B-Scheibe zu haben, und das ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen", kommentiert der Drummer, der seine Schlagzeugtracks bereits vor zwei Jahren komplett einzimmerte und sich den Sommer über primär mit den Drum-Edits und Arrangements von "Reload" beschäftigt hat. "Was rein die Musik angeht, könnte ich dir jetzt die Demos von "Reload" vorspielen, und du würdest wahrscheinlich kaum Unterschiede feststellen. Das meiste von dem, was wir bisher fertig im Kasten haben, kommt den Urversionen sehr, sehr nahe. Die einzige Ausnahme ist James, der mit seinem Gesang diesmal ein bißchen mehr rumexperimentiert hat. Ich glaube, er hat sich in letzter Zeit verstärkt mit Sachen wie Pink Floyd befaßt, wo die Vocals in eine experimentellere Richtung gehen. Das hört man bei gewissen Passagen und Chören, wo ein paar mehr Effekte zum Einsatz kommen. James ist sehr darauf bedacht, die nötige Abwechslung in seine Gesangsparts einzubringen. Das ist auch mit ein Grund, weshalb wir schließlich von einem Doppelalbum abgesehen haben. Die Herausforderung, sich quasi 27 Songs auf einmal vornehmen zu müssen, hat James, glaube ich, Angst gemacht. Er würde sich gesanglich wie textlich zu oft wiederholen. Die zwei Jahre Pause zwischen den Alben haben ihm die Möglichkeit gegeben, mit einer frischen Perspektive an die Vocals heranzugehen."

Von Anfang an geplant war hingegen die Fortsetzung von 'The Unforgiven', bei der METALLICA zu Beginn das musikalische Thema des Originals aufgreifen und den Song von dort aus düster-episch weiterspinnen.

"Die Idee dazu stammt von James, der der Meinung war, die Story sei noch nicht ausgeschöpft und entwicklungsfähig. Wir alle fanden's cool, uns zum ersten Mal überhaupt an sowas ranzuwagen", erläutert Lars. "Dieser Song ist wahrscheinlich auch der einzige, den wir bewußt nicht auf "Load" gepackt haben, weil es irgendwie doof gewesen wäre, den zweiten Teil dem "schwarzen Album" direkt hinterherzuschieben. Also haben wir eine Scheibe übersprungen, obwohl das Stück eines der allerersten war, das wir für "Load" fertig hatten. Ich finde, wir haben dabei musikalisch eine ziemlich gute Balance zwischen dem wiederkehrenden Grundmotiv und neuen Elementen gefunden." Apropos Balance: Gleichgewicht ist etwas, worauf man bei METALLICA künftig verstärkt achten will. Die ganzen Marathon-Studio- und -Touring-Zyklen, wie sie auf die Dauer nicht mal Metalli-Männer durchstehen können, gehören laut Lars endgültig der Vergangenheit an und waren letztendlich auch ein triftiger Grund, "Load" aufzusplitten.

"Wir wollen wieder häufiger Platten veröffentlichen und gleichzeitig weniger lang touren. Wenn wir es schaffen, öfters mal ein neues Album auf den Markt zu bringen, stecken wir auch nicht in einer Situation, wo wir fast gezwungen sind, die nächsten zwei Jahre on the road zu verbringen", bringt Lars die Sache auf den Punkt. "So etwas wie nach dem "schwarzen Album" können und wollen wir nicht noch einmal durchmachen.

Wenn wir mit "Reload" fertig sind, machen wir erst einmal vier Monate Pause und fangen dann im März in Australien und Japan mit den ersten Shows an, kommen im Juni für ein paar Open Air-Auftritte nach Europa, touren den Rest des Sommers in Amerika - und damit hat's sich."

Wenn Lars eben das Wort "Pause" in den Mund genommen hat, meint er damit natürlich keine völlige Auszeit. Mittlerweile hat sich Mr. Ulrich nämlich einen langgehegten Traum erfüllt und seine eigene Plattenfirma GAK, deren Produkte über Elektra laufen werden, gegründet, mit der er irgendwann im neuen Jahr aktiv werden will.

Über etwaige Signings hüllt sich der frischgebackene Label-Chef noch in Schweigen, "aber ich höre mir Demos an und habe Leute, die Sachen an mich weiterleiten. Wenn ich etwas entdecke, das mir gefällt, werde ich es auch in Angriff nehmen. Ich bin nur an einer Art von Musik interessiert: guter. Diejenigen, die mich kennen, wissen, daß ich unter "guter Musik" alles mögliche verstehe. Ich hoffe nur, daß die METALLICA-Fans das Ganze nicht als einen METALLICA-Ableger sehen, denn ansonsten werden sie wahrscheinlich herbe enttäuscht."

Ebenfalls aktuell ist das Thema Film. Bis zum Auftakt der nächsten Tour bleibt der Band gerade noch Zeit, zusammen mit Director Wayne Isham "Metallica Live - The Movie" an den Start zu bringen.

"Das mit unserem Film scheint ja in der Presse ein bißchen sehr aufgebauscht worden zu sein", schwächt Lars ab. "Wir haben auf der letzten Tour eine Filmcrew in Texas ein paar Songs filmen lassen, und das war's auch schon. Anstatt auf Video haben wir das Ganze allerdings per IMAX-Verfahren mitschneiden lassen. Die Möglichkeit würde also durchaus bestehen, das Ding in die Kinos zu bringen und mehr daraus zu machen als ein normales Video für den Hausgebrauch."

METALLICAs Antwort auf "The Song Remains The Same"?

"Nein, wir konzentrieren uns dabei hauptsächlich auf die Liveperformance und das, was auf der Bühne abgeht. In puncto Offstage-Footage werden wir uns auf ein paar Schnipsel beschränken. Jason auf einem Pferd auf der Suche nach dem "Knight in Shining Armor" wird's bei uns nicht geben - das überlassen wir Led Zeppelin!"

Chris Leibundgut (Rockhard)

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