JAMES HETFIELD INTERVIEW

METALLICA mal anders: Unser holländischer Mitarbeiter und Szene-Intimus Metal Mike traf jüngst im Rahmen eines Exklusivinterviews auf "den Menschen James Alan Hetfield", der sich bei Pressegesprächen meist im Hintergrund hält, "seine Gefühle hinter einer ordentlichen Portion Sarkasmus verbirgt" und Drummer Lars "Wasserfall" Ulrich das Reden überläßt. Mike: "Manchmal wirkt James sogar introvertiert - im Gegensatz zu der Persönlichkeit, die er auf der Bühne ist, wo er Zehntausende von Fans mit einer Fingerbewegung zu dirigieren versteht." Auf den folgenden Seiten ist von dieser Zurückhaltung indes wenig zu spüren: Hetfield spricht im Interview mit Mike freimütig über seine Familie, die "Eisenzeit" von Metallica, Dave Mustaine und den Unfalltod von Cliff Burton.

James Hetfield - 22.04.1999 - Berkely, CA - Photo by Niclas Swanlund
James Hetfield 1999 © Niclas Swanlund
Ich habe Jasons Vater auf einem Festival getroffen, war bei Kirks Mutter zu Besuch und weiß vieles über die Eltern von Lars, aber dich habe ich noch nie von deinen Eltern sprechen hören...
"Meine Mutter starb, als ich noch zur Highschool ging. Ich war gerade sechzehn. Sie kaufte mir meine erste Gitarre, weil sie wußte, daß ich mich für Musik interessiere, und sie schickte mich zum Klavierunterricht, aber von Metallica hat sie nichts mehr mitbekommen. Mein Vater ist Anfang 1996 gestorben. Er war sehr stolz auf mich und hat sich ein paar Konzerte angeschaut. Wir hatten aber auch über längere Zeit keinen Kontakt zueinander, da meine Eltern schon vier Jahre geschieden waren, bevor meine Mutter starb. Als das passierte, sind meine Schwester und ich zu unserem älteren Bruder gezogen. Ich habe meinen Vater also acht Jahre lang nicht gesehen. Langsam, aber sicher sind wir wieder in Kontakt gekommen, und irgendwann war zwischen uns wieder alles in Ordnung. Ich habe ihm ein Haus in Arkansas gekauft, als er in Rente ging. Er war LKW-Fahrer."

Also war er oft weg von zu Hause.
"Ach, das ging schon. Er hatte eine kleine Spedition und war doch meistens abends daheim. Es ging uns nicht schlecht. In den Sommerferien mußte ich immer auf einer Schiffswerft arbeiten, da konnte ich als Kind immer schön mit den ganzen Maschinen spielen, beispielsweise mit den Gabelstaplern."

Durch den Glauben deiner Eltern sollst du allerdings eine schwierige Jugend gehabt haben...
"Es gab tatsächlich eine Menge religiöses Getue in der Familie, eine Religion, mit der ich nichts anfangen konnte. Es ist schwer, auf eine bestimmte Art und Weise erzogen zu werden, wenn man selbst nicht daran glaubt. Ich mußte in die Kirche - und das an dem einzigen freien Tag, den ich in der Woche hatte. Das war schon schwer, aber mein Vater war sehr strikt, was das anbetraf."

Deine Eltern gehörten dem "Christian Scientist"-Glauben an. Diese Menschen wollen von Ärzten nichts wissen. Läuft das im Sinne von: Alles, was mit dir geschieht, ist Gottes Wille?
"Darauf läuft es schon hinaus, aber es ist eher gemeint, daß man seinen Körper mit Hilfe der eigenen geistigen Kräfte kontrollieren soll. Wenn man krank ist, ist man nicht wirklich krank, man verdrängt bloß bestimmte Dinge. Es geht um "the power of mind". Ich glaube, daß man mit der Geisteskraft eine Menge erreichen kann. Mein Vater hat mich immer wieder überrascht. Der Krebs hat ihn am Ende zwar besiegt, aber er hat wirklich viele Sachen mit Hilfe seines starken Glaubens überlebt. Auch als er wirklich schwer krank war, ging er nicht zum Arzt. Wenn er das getan hätte, wäre er nicht er selbst gewesen."

Das muß sehr schwer für dich gewesen sein. Wolltest du ihn nicht in ein Krankenhaus schleifen?
"Natürlich. Aber er hat es auf seine Art gemacht, und ich kann damit leben. Ich habe nichts davon, wenn ich mich ständig an irgendeinem "Was wäre, wenn...?" hochziehe. Alles in allem sind mein Vater und ich gut miteinander klargekommen."

Du hast ihm also noch für die Probleme, die du durch ihn in deiner Jugend hattest, vergeben können?
"Ja, klar. Am meisten habe ich mich geärgert, wenn es um meine Mutter ging. Als er uns verließ, wurde meine Mutter krank. Ich gab der Religion und ihm dafür die Schuld. Wir haben viel miteinander geredet, und schließlich kam alles wieder in Ordnung. Das Verrückte ist: Je weiter mein Vater weg war, desto mehr fiel mir auf, wie ähnlich ich ihm geworden bin. Mein Vater hat uns verlassen, als ich gerade auf die Highschool kam; das sind entscheidende Jahre, in denen man anfängt, sich zu entwickeln. Bei all diesen wichtigen Dingen, die ich von ihm hätte lernen sollen, und sei es nur, wie man an einem Auto herumschraubt, war er nicht da. Vieles habe ich mir selbst beigebracht. Trotzdem hatten wir unsere Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel sind wir gemeinsam auf die Jagd gegangen, nachdem wir uns wieder nähergekommen waren."

Es scheint, als hättest du die Erlebnisse des vergangenen Jahres in einigen "Load"-Texten verarbeitet...
"Alle Songs von "Load" handeln davon, vor allem "Bleeding Me' und 'Until It Sleeps' beschäftigen sich mit der Krankheit meines Vaters. 'Fuel Over Fire'(kommt aufs nächste Album - d.Verf.) handelt von einer "abgefuckten", nicht normal verlaufenen Jugend. Sowas ist gut für einen Songwriter: Je beschissener deine Jugend war, desto besser sind deine Texte."

Du hast also schon früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Wie verlief dein erstes Treffen mit Lars?
"Ich habe mit Hugh, einem anderen Gitarristen, an der Highschool gejammt. Er hatte in einer Musikzeitschrift eine Anzeige von einem Drummer gesehen und arrangierte ein Treffen irgendwo in New Port Beach oder Costa Mesa. Wir gingen zu dem Proberaum, und Lars saß schon mit seinem Drumkit rum - na ja, mit Teilen eines Drumkits, oder was immer dafür durchgehen sollte. Wir hatten jeder eine Lautsprecherbox und einen Verstärker dabei und haben angefangen, ein paar Coverversionen von Judas Priest und anderen Bands zu jammen. Wenn du zum ersten Mal mit jemandem zusammenspielst, fühlst du dich dabei nicht so wohl. Du fragst erstmal: "Welchen Song kennst du?" oder "Kannst du was von AC/DC?" Wir haben damals nichts von Rush oder Yes gespielt, nichts Kompliziertes also. Lars war da noch ein ganz anderer Typ."

Ein "ausländischer" Typ...
"In der Tat, und ich war zu der Zeit an der Highschool in L.A. noch nicht so vielen Ausländern begegnet. Diejenigen, die über die Grenze von Mexiko kamen, waren für mich Ausländer, aber dieser Typ war Europäer. Er roch anders, er sah anders aus, er sprach anders. Damals gab es eigentlich nichts an ihm, was mich beeindruckte, nicht mal sein Drumming. Wir haben nicht viel zusammen gesprochen, jedenfalls gibt's nichts, woran ich mich erinnere. Wir haben ein bißchen zusammen geprobt, und das war's dann. Es schien, als ob er uns später wiedertreffen wollte, aber wir sagten nur: "Tja, wir rufen dich dann an..." Er sagte: "Könnt ihr mir helfen, mein Drumkit einzuladen?" Und wir meinten: "Tja, wir müssen leider abhauen, sonst geraten wir in einen Stau..." Und: "Wir schicken dir unseren Anteil an der Miete für den Proberaum, wir haben deine Adresse..." Er hatte nämlich das Geld für den Raum vorgestreckt, denn durch seinen Vater (Torben Ulrich war ein erfolgreicher Profitennisspieler - d.Verf.) stand er finanziell nicht schlecht da. Erst eine ganze Weile später habe ich wieder was von Lars gehört, als er mich anrief. Ich hatte inzwischen meinen Highschool-Abschluß gemacht und wohnte zusammen mit Bassist Ron McGovney, mit dem ich auch jammte. Hugh war schon seit einiger Zeit von der Bildfläche verschwunden, er hatte schon nach zwei Monaten die Nase voll vom Musikerleben. Hughs Eltern wollten, daß er Anwalt oder sowas wird. Ich weiß noch, daß wir gerade unseren Proberaum fertiggebaut hatten. Tapetenreste und Kartons hatten wir an die Wände von Rons Garage genagelt. Alles, was wir finden konnten, haben wir da angeschleppt. Ich blieb also übrig mit Ron, Drummer Jim Mulligan und einem weiteren Gitarristen. Dann kam Lars' Anruf: "Hey, kennst du mich noch?" Ich hab' sowas in der Art von "Haben wir dich etwa noch nicht bezahlt?" geantwortet. Lars erzählte, daß er einen Freund namens Brian Slagel hätte, der dabei wäre, einen Metal-Sampler zusammenzustellen und für ihn darauf einen Platz reserviert habe. "Ich komme sofort", hab ich gerufen, denn bei mir lief es zu dieser Zeit nicht so gut. Ich habe Gitarre gespielt oder gesungen, was immer gerade gebraucht wurde. Die meisten Bands brauchten Sänger, also habe ich angefangen zu singen. Wenn sie einen Bassisten brauchten, habe ich halt Bass gespielt. Ich griff nach jeder Chance, die sich ergab, um weiterzukommen. Der Anruf von Lars war also die große Chance. Wir haben uns wieder getroffen; Lars hatte sich als Drummer eine ganze Ecke verbessert. Er besaß mittlerweile auch ein brandneues Drumkit: ein echtes Camco! "Hast du das gratis zu einer Packung Waschmittel im Supermarkt dazubekommen?" hab' ich noch gefragt. Es sah auf jeden Fall "fancy" aus, auch wenn es nicht so toll geklungen hat. Wir jammten ein paar Stücke, die ich mit meiner Band Leather Charm geschrieben hatte: 'Hit The Lights' und 'No Remorse'. Er brachte mir noch ein paar Riffs bei, die er bei Proben mit anderen Jungs aufgeschnappt hatte, und unterrichtete mich in der Musik, nach der er ganz verrückt war: The New Wave Of British Heavy Metal mit Bands wie Diamond Head und Savage. Dazu kam Mainstream-Metal von Judas Priest und den Scorpions. Als ich mit ihm in einen Plattenladen ging, riet er mir, eine Venom-LP zu kaufen. Okay, das hab' ich gemacht, aber Ron hat mir verboten, die Platte mit in unser Zimmer zu bringen. "Das sind Teufelsanbeter, Mann! Das Zeug kommt mir nicht in die Wohnung!" meinte Ron. "Fuck you puss!" war meine Antwort. "This is heavy shit!" Später hab' ich mir dann auch LPs von Angel Witch und anderen Bands zugelegt. Lars war eher derjenige, der die ganzen Singles sammelte und viele davon bei Brian Slagel kaufte. Brian hatte einen Flohmarkt-Stand und gab nebenher die Hardrock-Zeitschrift "Heavy Metal Review" heraus. Ich ging dann auch öfters mal zum Flohmarkt und hab' Singles abgezogen. Kürzlich erst habe ich Brian auf dem Lollapalooza-Festival getroffen und ihm gesagt: "Hey, du hast noch Geld bei mir gut für die Tygers Of Pan Tang-Single, die ich damals bei dir geklaut habe!" Wir haben uns bei jemandem einen Tascam-Vierspurrecorder ausgeliehen und 'Hit The Lights' aufgenommen. Ich spielte die Rhythmusgitarre und den Bass, weil Ron zu dieser Zeit nicht wirklich dazugehörte, und habe gesungen, während Lars drummte. Wir waren wirklich ein Duo. Ich weiß noch, daß wir auf dem Weg zu Brian Slagel waren, damit er das Tape "mastern" konnte. Wir wußten nicht mal genau, was das tolle Wort genau bedeutet, aber es gehörte nun mal dazu, eine Aufnahme zu "mastern". Wir hatten auf einem Tape ein Gitarrensolo von jemandem aufgenommen, dessen Namen ich vergessen habe, und auf dem Weg zu Slagel bei dem farbigen Gitarristen Lloyd Grant angehalten, um ihn auch ein Solo einspielen zu lassen, damit wir dann das bessere von den beiden verwenden konnten. Lloyds Verstärker sah total seltsam aus. Das Teil war so groß wie eine Speakerbox, und mit einem genialen Wirrwar von Drähten hatte er eine ganze Reihe von Effektgeräten daran angeschlossen, aber es klang echt super. Wir haben unseren Rekorder angeschmissen, und er spielte das Solo besser als das, was wir schon hatten; also löschten wir das alte Solo und fuhren mit dem Tape zu Brian. Er war im Studio gerade dabei, ein paar Gesangspartien von Bitch am Mischpult aufzupolieren. Ich sah zum ersten Mal einen Haufen Apparaturen, von denen ich gar nicht wußte, was man damit eigentlich anstellt, und ein Mischpult mit Hunderten von Knöpfen. Wow! Meine erste Begegnung mit einem Studio. "Wo ist euer 16-Spur-Band?" fragte er. Ich sehe noch sein Gesicht vor mir, als wir ihm unsere Cassette in die Hand drückten. "Oh, no!" rief er - und jetzt dürfte auch klar sein, warum 'Hit The Lights' nicht so gut klang. Aber es hat schon zu der besonderen Stimmung des Songs beigetragen. Auf der zweiten Pressung von "Metal Massacre I", so der Titel des Samplers, gab es eine andere Version von 'Hit The Lights'. Ja, wir haben die Nummer dann nochmal neu aufgenommen und dafür gesorgt, daß unser Bandname auf dem Cover richtig geschrieben wurde - und nicht "Mettallica", wie auf der ersten Pressung. Ron hat bei der zweiten Version den Bass gespielt und - ich glaube - Dave Mustaine das Solo. Oder war er da noch nicht in der Band? Ich kann mich an diesen alten Shit nicht so gut erinnern..."

Doch, er kam nämlich im Januar 1982 zur Band. Nicht lange nach diesem Release habe ich euer erstes Demo bekommen.
"Wir haben tatsächlich angefangen, ein paar Demos aufzunehmen. Ein Typ namens Kenny Kane hat für uns etwas Geld zusammengekratzt, so daß wir in den East Coast Studios ans Werk gehen konnten. Wir hatten inzwischen auch einige Songs geschrieben: 'Hit The Lights', 'Motorbreath', 'The Mechanix' und 'Jump In The Fire', das endet, als ob man bei laufendem Plattenspieler den Stecker zieht. Das kam so, weil das Band zu Ende war und wir kein Geld für ein komplett neues ausgeben wollten. Zu dieser Zeit spielten wir live viele Coverversionen. Wir hatten 'Killing Time', 'Let It Loose' und ein paar Diamond Head-Songs in unserem Set. Kenny fand das Material total toll. Als wir mit ihm im Studio waren und anfingen, unsere eigenen Songs aufzunehmen, sagte er: "Das klingt ja ganz anders!" - "Tja, Kenny, die anderen Songs sind nicht von uns..." - "Ihr Motherfucker", fluchte er, aber wir konnten ihn beruhigen und durften sogar noch ein zweites Demo aufnehmen."

Dieses zweite Demo wurde das allseits bekannte "No Life 'Til Leather"-Tape, auf dem sich neben den schon genannten vier Nummern auch noch 'Seek And Destroy', 'Metal Militia' und 'Phantom Lord' befanden. Der erste Schritt in Richtung Megastars war getan...
"Wir verkauften zig Demos pro Tag und wußten, daß wir auf dem richtigen Weg sind. Wir begannen auch etwas längere Songs zu schreiben, wie zum Beispiel 'No Remorse' oder 'Four Horsemen'. Kenny fragte daraufhin: "Was ist mit den kurzen, punkigen Songs passiert?" Er arbeitete nämlich mit sehr vielen Punkbands zusammen. Aber wir erzählten ihm, daß wir dabei waren, uns musikalisch weiterzuentwickeln. Wir haben kürzlich übrigens die Bänder von diesen Aufnahmen von ihm zurückgekauft. Er sieht heute noch genauso schlampig aus wie damals: ein Hippie, für den die Zeit einfach stehengeblieben ist. Damals bekam ich auch Krach mit Ron, was etwas ungünstig war, da ich ja bei ihm wohnte. Wir fuhren ab und zu für ein paar Auftritte nach San Francisco, und Ron war der Typ, der ein bißchen Knete hatte. Er sorgte dafür, daß wir mit seinem Lieferwagen dorthin fahren konnten. Wir warfen die Anlage hinten 'rein; die Roadcrew bestand aus ein paar Kumpels aus der Nachbarschaft. Zu dieser Zeit sahen wir auch Cliff Burton mit der Band Trauma in L.A. spielen. Brian Slagel holte nämlich S.F.-Bands nach L.A. und schickte L.A.-Bands nach S.F. Wir waren ganz schön beeindruckt von diesem headbangenden Hippie-Bassisten und wollten unbedingt einen "Freak" in der Band haben. Ron war viel zu steif und konnte sich absolut nicht mit Dave Mustaine anfreunden. Er hatte auch nicht den Ergeiz, sich als Bassist zu verbessern. Wir mußten ihm ständig alles Neue beibringen. Wir versuchten also, mit Cliff in Kontakt zu treten, während Ron in der Nähe rumhing und total paranoid war, daß wir hinter seinem Rücken alles Mögliche abwickelten. Wir behielten ihn noch eine Zeitlang in der Band, weil er nun mal diesen Lieferwagen und etwas Kohle hatte. Wie der Krach zustande kam? Ich glaube, daß Cliff eines Abends bei uns anrief und Ron ans Telefon ging. Ich glaube, daß er da schon wußte, was gespielt wurde, und ich mußte zusehen, daß ich aus Rons Haus verschwand. Ich bin dann bei Dave Mustaine eingezogen."

Das war auf der "Schöner wohnen"-Leiter doch sicher ein Schritt nach unten, oder?
"Es war ein Alptraum da in Huntington Beach! Zum Glück wohnte ich dort nicht lange, denn wir wollten weg von der Glamrock-Szene in L.A., um uns in der Bay Area anzusiedeln, wo uns das musikalische Klima etwas besser gefiel. Wir hatten dort auch schon ein paar Freunde kennengelernt. Mark Whittaker war zu jener Zeit der Manager von Exodus, und Jeff Weller, der bei unseren Auftritten für die Pyrotechnik zuständig war, der Manager von Laaz Rockit. Wir konnten in Marks Haus in El Cerito einziehen. Natürlich hatte er nicht genug Schlafzimmer, so daß Lars und ich uns ein Zimmer teilten. Dave wurde im Keller von Marks Großmutter in Walnut Creek, was eine ganze Ecke weg war, untergebracht. Regelmäßig haben wir Mädchen aufgerissen, die wir dann in Daves Keller mitschleppten. Das war eine tolle Zeit. Natürlich hatten wir auch unsere Meinungsverschiedenheiten mit Mark, aber das passiert nun mal, wenn drei Typen auf engem Raum zusammenleben: "Bring' den Müll raus, du Arsch!" und "Du bezahlst keinen Cent Miete, also mach dich endlich mal nützlich!" Gegessen haben wir jeden Tag im Hamburger-Schuppen um die Ecke. Eine schöne Zeit, die wir dank der Hilfe von Mark gut überstanden haben. Inzwischen hatten wir auch Cliff in der Band und wollten ein neues Demo aufnehmen. Mark machte eine Ausbildung zum Toningenieur, irgendwo bei einem Bekannten im Keller, und als Aufgabe am Ende des Semesters mußte er ein Band aufnehmen. Er lud uns ein, und so kamen wir gratis an ein Demoband mit 'Whiplash' und 'No Remorse'. Es klang großartig. Es war das absolut Beste, was wir bis dahin aufgenommen hatten. Dann kamen wir mit Jon Zazula in Kontakt. Er hatte ein Hardrock-Geschäft in New Jersey, "Rock And Roll Heaven", und er organisierte viele gute Konzerte an der Ostküste mit Bands wie Anvil, Raven, The Rods und Venom. Er wollte dort für uns einen Auftritt arrangieren, wenn er uns im Gegenzug als Booking-Agent vertreten dürfte. "Okay, schick' uns einfach ein bißchen Geld, damit wir uns einen Bus mieten können." Er tat es, und wir fuhren gen Osten."

Der Anfang des letzten Bandkapitels mit Dave Mustaine...
Ganz genau. Wir wußten sofort, als wir ihn das erste Mal trafen, das er etwas ganz Besonderes hatte. Etwas, das einen von ihm abhängig machte.

Die guten Riffs, die er geschrieben hat?
"Nein, nicht nur das. Er hatte etwas Einmaliges an sich, eine bestimmte Persönlichkeit, die langsam aber sicher von der Haltung eingenommen wurde, die er sich zulegte. "On the road" konnte er bestimmte Dinge nicht verarbeiten. Er wurde unregierbar und hat der Band viele Sachen verdorben. Beispielsweise blieben wir auf dem Weg nach Osten bei Bekannten, um dort zu übernachten, und plötzlich hatte Dave mit dem Gastgeber Streit und warf Sachen durch das Haus. "Hey, Dave, wir sind noch nicht auf Tour. Wir sind erst auf dem Weg zu unserer ersten Tour", sagte ich ihm. Daraufhin haben wir uns schon mal ganz vorsichtig nach einem anderen Gitarristen umgeschaut. Während Dave den Bus Richtung Ostküste lenkte, haben wir das Exodus-Demo in den Cassettenspieler geschoben, um uns das Gitarrenspiel von Kirk Hammett anzuhören. Dave hatte keine Ahnung, was wir planten. Das erste, was wir Jon Zazula erzählten, als wir an der Ostküste ankamen, war, daß wir unseren Sologitarristen feuern würden. Seine Reaktion: "Was?? Das könnt ihr mir nicht antun!" Inzwischen hatte er zig Kopien von unserem Demo gemacht, um sie in seinem Laden zu verkaufen. Wir haben davon nie auch nur einen Cent zu Gesicht bekommen. Ich glaube, er hat versucht, Geld zusammenzukratzen, damit wir auf Tour gehen konnten. Wir wohnten in Jonnys Haus - ich glaube, länger, als wir erwünscht waren. Seine Familie fing an, sich gegen uns zu wenden. Wir kamen immer sturzbetrunken mitten in der Nacht nach Hause, stolperten über das Mobiliar und machten alle wach, obwohl sie früh aufstehen und zur Arbeit gehen mußten. Ich glaube, was das Faß zum Überlaufen brachte, war der Tag, als wir alle Getränke in seinem Haus ausgesoffen haben. Er hatte eine Flasche Champagner, die er zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte, für eine ganz besondere Gelegenheit aufbewahrt - den zehnten Hochzeitstag oder so - und wir haben sie aufgemacht und leergetrunken... Das war's dann: "You motherfuckers!" schrie er, und wir durften uns verziehen. Zum Glück konnten wir bei einem alten Freund, Metal Joe in Old Bridge, New Jersey, landen. Da hat es uns ziemlich gut gefallen. So bekamen wir ein Zuhause, wo wir zwischen unseren gelegentlichen Auftritten mit The Rods, Vandenberg und Venom hinkonnten. Es wurden dort eine Menge Parties gefeiert... Nach ein paar Wochen sind wir nach Jamaica, Queens, in ein leerstehendes Fabrikgebäude umgezogen, wo ein paar Metalbands probten, darunter Anthrax. Wir lebten nun in Betonräumen mit einer einzigen Annehmlichkeit: fließend kaltem Wasser. Wir kämpften um Verpackungsmaterial und benutzen sogar den Dämmschaum aus den Lautsprecherkästen, um uns warm zu halten. Ich weiß noch, wie Anthrax uns einen Grill gaben, damit wir Brot rösten konnten. Wir benutzten das Teil für alles Mögliche. Wir stellten eine Dose Bohnen rein, bis sie kurz vorm Explodieren war. Das war dann unser Abendessen. Es war wirklich ein Überlebenskampf. Wir haben Mädels aufgerissen und gingen mit ihnen nach Hause, damit wir mal duschen konnten. Wenn man darauf zurückblickt, war es eine echt schöne Zeit."

Vermißt du diese Tage heute?
Lachend: "Was, das Duschen?"

Nein, ich meine die Zeit mit ihren einfachen Problemen, wo du noch in Ruhe über die Straße gehen konntest und von Party zu Party gezogen bist.
"Yeah, obwohl wir auch heute noch täglich Probleme haben, aber auf der anderen Seite wird auch immer noch reichlich gefeiert. Es ist allerdings ein anderes Niveau, auf dem das abläuft. Wenn man damit beschäftigt ist, zu überleben, bekommt man eigentlich gar nicht so richtig mit, was für schwierige Zeiten man gerade durchmacht."

Während ihr in dem Beton-Proberaum gehaust habt, gehörte Dave Mustaine allerdings immer noch zum Line-up...
"Ja, ich weiß. Wir haben es immer wieder verschoben. Niemand traute sich, Dave zu sagen, daß er verschwinden sollte. Und Kirk war schon auf dem Weg an die Ostküste. Er sollte eines Tages gegen zwölf Uhr ankommen, also weckten wir Dave morgens um neun: "Dave, wir haben uns alle zusammengesetzt und darüber geredet. Es hat nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir schicken dich nach Hause, du bist raus aus der Band." Seine Reaktion? "Hä? Ihr wollt mich wohl verarschen!? Gebt mir noch eine neue Chance", und noch mehr von den typischen Sachen, die man dann so sagt. Wir blieben bei "Sorry". Ich erinnere mich noch genau daran, was er dann sagte: "Ich weiß nicht, ob ich nun aus dem Fenster springen soll oder nicht." Cliff antwortete ihm auf seine trockene Art: "Ich glaube nicht, daß aus dem Fenster springen die richtige Antwort ist." Wahrlich tröstende Worte... "Tja, wo ist denn mein Flugticket?" fragte Dave. "Hier ist dein Ticket von 'Greyhound Airlines', in drei Tagen mit dem Bus zurück." - "Und meine Anlage?" - "Die schicken wir dir hinterher..." Eine Stunde später standen Lars und ich total besoffen oben auf dem Empire State Building: "Wir haben es endlich getan!" und "Haben wir auch wirklich das Richtige getan?" Kurz danach kam Kirk an, stöpselte seine Gitarre in Daves Verstärker, und wir spielten 'Seek And Destroy'. Als sein Solopart an der Reihe war, wußten wir: "Fuck - this is it!" Er lernte unsere Songs, wir hatten ein paar Auftritte an der Ostküste mit The Rods und Motörhead, und am 10. Mai 1983 gingen wir in die Music America Studios in Rochester. Wir haben bei Freunden gewohnt (fängt an zu lachen). Leute, die uns bei sich haben wohnen lassen, müssen echt bekloppt gewesen sein. Wir wohnten bei einem der Toningenieure aus dem Studio und veranstalteten bei ihm wirklich das totale Chaos. Nicht mit Absicht, aber uns sind einfach Dinge passiert, die nun mal passieren, wenn man betrunken ist. Nach den Aufnahmen waren wir übrigens ganz schön angepißt, sie ließen uns nämlich während des Mixens nicht mehr ins Studio. Sie gaben uns zwar Tapes von den Fortschritten im Studio, aber sie machten Fehler auf Fehler, und wir waren natürlich wütend."

Haben sie euch am Ende doch zum Mixen reingelassen?
"Nein, wir waren nicht eine Sekunde lang dabei. Schade, aber so ist es nun mal gelaufen. Wir fanden, daß sogar unsere Demos besser klangen. "Kill 'Em All" ist einfach nicht gut genug geworden (lacht). Aber das haben wir nach jedem weiteren Album auch jedesmal wieder gesagt. Ich kann mich noch erinnern, als wir zum ersten Mal den Coverentwurf sahen und Cliff wegen des Innencovers ausflippte: "Ich habe diese Fotos nicht ausgesucht, ihr Motherfucker!" Wir machten uns schon damals Gedanken um alles mögliche. Vielleicht alles Kleinigkeiten, aber wir wußten, daß wir uns ab sofort um alle wichtigen Angelegenheiten selber kümmern mußten. Sowas sollte uns nicht nochmal passieren. Eine große Verantwortung mit ebenso großer Befriedigung. Du weißt, daß du alles getan hast, damit es so gut wie möglich wird. Wir sind Kontroll-Freaks geworden: Jedes Foto, jede Note, jedes T-Shirt - alles wird vorher von uns geprüft."

Du hast als Band viele Jahre Zeit, das erste Album zu schreiben, aber leider nur ein paar Wochen für das zweite...
"Richtig. "Kill 'Em All" enthielt das Material, das wir schon seit Jahren in den Clubs spielten. Diese Songs waren dann auch schnell aufgenommen, aber jetzt wurde es Zeit für einen Nachfolger, und wir gerieten etwas in Panik. Shit, wir mußten noch Songs schreiben. Cliff mischte beim Schreiben der Nummern mit und brachte bestimmte Melodien in unsere Musik mit ein, die er auf der Schule während seiner Klassik-Ausbildung gelernt hatte. Er wußte, wie bestimmte Harmonien funktionieren. Wir waren, was das anging, noch ganz schön von Thin Lizzy beeinflußt, denn die Jungs verstanden echt was von Gitarren-Harmonien. "Ride The Lightning" entstand also in der Zeit der Harmonien."

Bevor ihr jedoch das Album aufgenommen habt, fand in Amerika die "Kill 'Em All For One"-Tour statt. 30 Konzerte zwischen dem 27. Juli und dem 3. September.
"Das stimmt, mit Raven. Wir hatten "Kill 'Em All", und sie hatten "All For One". Jonny Zazula besorgte uns ein "Mobile Home" und wir teilten uns die Crew mit Raven... It was hell! Wir kämpften wieder ums Überleben, hatten aber eine Menge Spaß dabei."

Das wundert mich nicht, denn die Jungs von Raven sind die witzigsten Typen, die ich in der Musikszene kenne.
"Ganz genau. Wir haben sehr viel von ihnen gelernt, auch daß man schwierige Zeiten mit Humor leichter durchsteht. "Wow, wir sind mit Raven auf Tour!" Jeden Abend haben wir uns ihre Show angeschaut, ihren "Athletic Rock", und haben viel daraus gelernt. Sie gaben jeden Abend 110 Prozent und waren so unglaublich viel professioneller als wir."

Was habt ihr während der Tour sonst noch gelernt?
"Wieviel Wodka ich trinken konnte, bis ich nicht mehr singen konnte. Und wir lernten, daß man mit zwei Bands plus Crew in einem Wohnmobil kreuz und quer durch Amerika touren konnte. Natürlich geht man sich auf die Dauer auch auf die Nerven, aber es gab unterwegs immer wieder genügend Parties, um den ganzen Ärger zu vergessen. Die Tour fing an der Ostküste an und endete in San Francisco. Auf dem halben Weg nach Texas hat die Klimaanlage schlappgemacht, und wir mußten in einem Backofen weiterreisen. Morgens wurde man wach, und die Zunge war am Gaumen festgepappt, weil es im Wagen 200 Grad heiß war."

Zu dieser Zeit standen viele Hardrock-Bands auf der schwarzen Liste. Die Moralapostel der P.M.R.C. machten eine Hexenjagd auf alles, was mit Sex und Schimpfworten zu tun hatte. Hattet ihr in den Südstaaten damit auch Probleme?
"Tja, ich erinnere mich schon daran, daß es ein paar Konzerte gab, wo nicht allzu viele Leute waren. Ich erinnere mich an einen Auftritt in Baldknob, Arkansas. Da lag ein Haufen Zement mitten auf einer großen Grasfläche, es standen ein paar Generatoren rum, und es wimmelte von Wespen. Es sah aus, als würde da ein Kernkraftwerk in der Nähe arbeiten. Es kamen eine Menge "Rednecks", denen hier und da schon ein Zahn fehlte, mit ihren "four wheel drives" angefahren. Denen machte das alles gar nichts aus. Sie brachten sich belegte Brote mit und pro Nase so um die 20 Pils. Sie hatten ihren Spaß, für sie war das alles nur Rock'n'Roll. Es machte ihnen nichts aus, ob du jetzt über Satan oder ähnliches gesungen hast. Auf der Tour gab's also keine größeren Probleme. Die Gottesdienst-Fanatiker kamen erst später, so ungefähr zu der Zeit von "Master Of Puppets", als wir mit Ozzy Osbourne durch die Staaten tourten. "Oh, Heavy Metal, die Musik des Teufels..." Es ging nicht nur um uns, sondern um die großen Vier (Slayer, Anthrax, Megadeth und Metallica - d.Verf.) und natürlich auch um Ozzy. Sie dachten, daß wir zusammen den Teil eines großen Komplotts ausmachten. Wir mußten die Songtexte im voraus ausdrucken lassen, und während des Auftritts stand ein Priester am Mischpult und hat sie mitgelesen. Ich habe neue Texte erfunden, während wir die Songs spielten. (Spricht wie ein Prediger:) "Oh, mein Himmel. Du sagst nicht, was hier geschrieben steht, mein Sohn!" Es war wirklich zu lächerlich. Die Leute haben am Eingang der Halle Flugblätter verteilt: "Ihr dürft hier nicht hineingehen. Satan ist in diesem Gebäude!" Die Typen waren total daneben."

Bevor ihr das zweite Album aufgenommen habt, seid ihr auch noch mit Anthrax an der Ostküste aufgetreten.
"Ja, wir wohnten wieder bei Metal Joe und schrieben da auch noch ein paar Songs für "Ride The Lightning". Danach sind wir nach Europa gefahren für die Konzerte mit Venom..."

An was kannst du dich von der "Seven Dates Of Hell"-Tour noch erinnern?
"Unter anderem an das "Aardschok"-Festival mit Tokyo Blade und Savage. Vor 5.000 Leuten aufzutreten... Ich war ganz schön aufgeregt, aber wir hatten auf der Tour wieder viel Spaß, unsere ersten Spuren in Europa hinterlassen und waren ganz vernarrt darin, auf Festivals zu spielen. Nach der Tour sind wir nach Kopenhagen gefahren, um "Ride..." aufzunehmen."

Im September 1984 unterschrieb die Band einen Plattenvertrag beim Major Elektra, der Megaforce den Deal abgekauft hatte. Am 18. November startete die erste echte Europatour mit Tank als Supportband.
"Die "Ride The Lightning"-Tour mit Tank war die absolut beste Tour, die ich je mitgemacht habe. Ich war hin und weg von dieser Band, und jetzt waren wir mit Tank auf Tour! Ich konnte es einfach nicht glauben: "Schau, da ist Algy. Kannst du wohl diesen Song für mich spielen?" Ich weiß noch, daß ich ihnen vom Bühnenrand aus zugeschaut habe und zu Tränen gerührt war. Das war das Zeugs, das ich zu Hause immer hörte, wobei ich mich vollaufen ließ. Ich konnte wirklich nicht glauben, daß Tank live vor meinen Augen spielten!"

Am 17. August 1985 spielten Metallica vor 70.000 Leuten in Donington. Endlich hatten die Vier auch England erobert. Die letzten Monate des Jahres wurden dazu genutzt "Master Of Puppets", wieder in Kopenhagen, aufzunehmen. Im März 1986 startete die große US-Tour als Support von Ozzy Osbourne. Ich erinnere mich an den Auftritt vom 26. Juni 1986 in Evansville, wo ich dich mit dem Skateboard einen Hügel habe runterfahren sehen, und als du kurz darauf wieder hochgelaufen bist, ragte in Höhe des Handgelenks ein Stück Knochen aus deinem Arm...
"Tja, ich denke nicht, daß es gut ist, dir das Handgelenk zu brechen, wenn du der Gitarrist einer Band bist. Ich weiß noch, wie ich den Hügel hochlief und fragte: "Bedeutet das, daß wir heute abend nicht spielen können?" Die anderen drei Jungs mußten auf die Bühne gehen, um zu verkünden, daß der Auftritt nicht stattfinden könne. Cliff wurde noch von irgendwas getroffen, was auf die Bühne geworfen wurde - das hat ihn ganz schön angepißt."

Die negativen Reaktionen hielten sich allerdings in Grenzen. Es wurde sogar laut gejubelt, als Lars verkündete, daß Ozzy jetzt einen längeren Set spielen würde.
"Nach Konzertende hat mich Ozzy noch im Tourbus besucht: "Hey, dick, what's up?" Er war ein großes Idol für uns, besonders für Cliff und mich. Es war eine Ehre, mit ihm auf Tour zu gehen. Wir spielten während des Soundchecks Sabbath-Songs und überlegten: "Ob er wohl sauer wird?" und "Ob er wohl einen Song mit uns singen würde?" Natürlich ist das nicht passiert. Auch auf dieser Tour haben wir viel gelernt. Sharon Osbournes Wille war auf der Tour Gesetz. Sie wußte, daß wir heftige Zecher waren, und Ozzy versuchte gerade, trocken zu bleiben. Sie sagte: "Ihr dürft backstage nicht trinken, ihr dürft dies nicht, ihr dürft jenes nicht." Ich dachte immer, daß Touren Spaß machen soll. Ozzy kam eines Abends zu uns in den Tourbus, Cliff saß hinten. Ein großes Dilemma. Ozzy ging zu Cliff und fragte ihn nach einem Bier. Wow, was sollte er da tun? Seinem großen Idol etwas verweigern? Falls nicht, würden Metallica dann von der Tour runterfliegen? "Tja, Bier ist wahrscheinlich noch im Kühlschrank, aber ich kuck' dann besser mal in die andere Richtung..." Ozzy war während der Tour ein paarmal total hinüber. Er hat Lars und mich richtiggehend verfolgt, weil er wußte, daß wir in unserer freien Zeit immer ausgingen. Vor allem im Mittleren Westen lagen die Hotels meist mitten in einem Einkaufszentrum. Lars und ich sind dann dort in eine Bar gegangen, und immer wenn Ozzy vorbeikam, sind wir schnell unter dem Hocker verschwunden. Das war wirklich ganz schön lächerlich."

Am Abend nach dem Skateboard-Unfall saß Kirks Gitarrenroadie, John Marshall, an deinem Bett, um deine Gitarrenparts zu lernen...
"John und Kirk waren schon seit der Highschool Freunde, und John kannte alle Songs, aber nur Kirks Parts. Er war so ein richtiger "bedroom guitarplayer", der Tag und Nacht in seinem Zimmer übt. Nicht gerade ein aggressiver Livegitarrist, aber einer, der sauber und gut spielt. Er hat seine Sache sehr gut gemacht. Beim ersten Konzert der Tour hat er sich an der Seite der Bühne versteckt, aber jeden Abend schlurfte er ein Stückchen mehr zur Mitte der Bühne. Kurz bevor mein Arm wieder ganz gesund wurde, stand er dann schon genau vor meiner Nase auf der Bühne und hat sein Solo gespielt."

Als die Europatour am 10. September in England startete, war dein Handgelenk wieder geheilt. Als du dachtest, daß jetzt wieder gute Zeiten anbrechen sollten, lagst du daneben. Das schwärzeste Kapitel aus der Metallica-Geschichte sollte am 26. September 1986 geschrieben werden, als ihr mit Anthrax als Support durch Europa unterwegs gewesen seid, um "Master Of Puppets" live vorzustellen...
"Wir waren auf dem Weg von Stockholm nach Kopenhagen und haben alle geschlafen. Die Tourbusse in Europa sind ganz anders als die in Amerika. In Europa sind das mehr überarbeitete Touristenbusse mit Glasfenstern statt Holzwänden wie in Amerika, und daran waren dann die Betten installiert. Ich konnte in diesen Betten nicht schlafen, weil es so kalt war, und ich wollte da auch nicht schlafen, weil ich mich in dem Durchzug immer erkältet habe, was für einen Sänger ziemlich unangenehm ist. Ich schlief im Bus auf derselben Seite wie Cliff, allerdings eine Etage über ihm. An diesem Abend saß ich also in der warmen Lounge hinten im Bus und bin da eingepennt. Ich wurde wach, als der Bus etwas stärker schlingerte als normal. Plötzlich begann der Bus zu kippen. In der Lounge, die keine Fenster hatte, fielen Kaffeekannen und irgendwelcher Scheiß auf mich drauf, und im nächsten Moment herrschte Totenstille... Auf einmal wurde es ganz kalt. Die Fenster waren alle zersplittert, und es schneite hinein. Ich riß den Notausgang auf und kletterte in meiner Unterwäsche nach draußen. Es waren in dem Moment etwa 15 Grad minus. Ich konnte einfach nicht glauben, was da passiert war. Mein Gehirn war noch halb im Schlaf. Du denkst, daß du träumst, so seltsam war das alles. Ein paar Mitglieder unserer Crew liefen schon um den Bus, um abzuchecken, was genau passiert war. Ich hörte Kirk aus dem Bus rufen: "Was ist denn los?" Flemming (Rasmussen, der Produzent - d.Verf.) war eingeklemmt, manche hatten Knochenbrüche. Ich drehte mich um, und dann sah ich Cliffs Beine unter dem Bus hervorragen... Der Bus war aus irgendwelchen unklaren Gründen von der Straße abgekommen. Der Fahrer sagte, daß er durch Eis auf der Fahrbahn ins Rutschen gekommen ist. Als er über den Straßenrand hinausschoß, ging der Bus hoch, dadurch fielen die Fenster raus, und Cliff wurde hinausgeschleudert. Danach ist der Bus auf ihn draufgefallen. Er muß auf der Stelle tot gewesen sein. Ich lief auf der Straße hin und her, konnte kein Eis finden. Der Fahrer sagte aber, daß es so war. Sie mußten mich von ihm wegreißen; ich war kurz davor, ihn umzubringen. Vielleicht ist er eingeschlafen, sein Atem roch auch nach Alkohol. Ich bin weiter die Straße rauf und runter gelaufen, konnte aber nirgends etwas finden, das den Bus ins Schleudern gebracht haben könnte. Ich weiß, daß der Fahrer vor Gericht gestellt wurde. Was mit ihm passiert ist, weiß ich nicht... Wir mußten alle ins Krankenhaus und waren in einem schweren Schockzustand. Es dauerte Stunden um Stunden, bis wir unsere Sachen zusammen hatten. Langsam aber sicher begann es bis zu mir durchzudringen: "Oh my god, wir sind keine Band mehr, wir haben jemanden verloren..." Kirk und ich haben uns vor lauter Kummer zulaufen lassen. Später kam Peter Mensch (der Manager - d.Verf.) zu uns und sagte etwas im Sinne von: "Shit happens, nutzt eure Musik als Therapie, um darüber hinwegzukommen." Und noch mehr Sachen in der Art, die man zu einem sagt, der gerade einen lieben Freund verloren hat: "Gebt nicht auf, macht weiter mit der Band, Cliff hätte es nicht anders gewollt." Wir haben noch am selben Tag beschlossen, weiterzumachen. Wir mußten sofort wieder an den Start gehen und nicht erst jahrelang trauern... Sechs Wochen später haben wir schon unsere erste Tour mit Jason in Japan gemacht. Er wurde von uns gleich richtig eingearbeitet: "Hey, die Minibar ist gratis, laß uns in dein Zimmer gehen." Und: "Du mußt heute bei Ross Halfin im Zimmer schlafen. Er ist zwar schwul, macht aber tolle Fotos." Wir haben ihn ständig auf die Probe gestellt, um ihn für das Tourleben abzuhärten. Wir waren schließlich jahrelang zusammen durch die Scheiße gegangen. Und wenn du Tag und Nacht mit einer englischen Crew unterwegs bist, mußt du hart sein - denn wenn sie merken, daß du ein Softie bist, machen sie dich total fertig!"

Soweit also unser Gespräch mit James. "The rest is history", wie es so schön heißt. Vielleicht gibt es in Zukunft ja noch eine Fortsetzung...

METAL MIKE

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