JAMES HETFIELD INTERVIEW - BZ

Vergangenen Montag spielten Metallica ein exklusives Berlin-Konzert vor 350 geladenen Gästen, nun erschien ihr neues Album Hardwired... To Self-Destruct. Wir sprachen mit Metallica-Chef James Hetfield über Selbstzerstörung, Donald Trump, seine Vorliebe für Country-Musik sowie über seine Bewunderung für den verstorbenen Motörhead-Frontmann Lemmy.

James Hetfield - 26.10.2016 - San Juan, Puerto Rico - Photo by Brett Murray
James Hetfield 2016 © Brett Murray
James Hetfield, „Hardwired … To Self Destruct“ ist das erste reine Metallica-Album seit acht Jahren. So eine lange Pause gab es noch nie. Hatten Sie keine Lust mehr, ins Studio zu gehen?
Keineswegs. Wir haben nur immer so viele andere Sachen gemacht, die Zeit verging wie im Flug. Aber ja: Eine sehr lange Pause. Ein bisschen hat uns die Pause aber auch in die Karten gespielt, sie hat uns hungrig gemacht.

Das hört man. Zuletzt schienen Sie ein bisschen die Richtung verloren zu haben, das neue Album klingt entschlossener.
All unsere Alben hatten zum Zeitpunkt ihres Entstehens ihre Berechtigung. Wir haben uns bei keinem weniger oder mehr Mühe gegeben. Ich weiß nur, dass wir heute aufgrund unseres Alters und der damit einhergehenden Reife und Erfahrungen die Bedeutung, die diese Band für unser Leben hat, sehr deutlich einschätzen können. Metallica bedeutet uns alles. Wir haben viel miteinander durchgemacht.

Man könnte den Eindruck gewinnen, Sie seien unfähig, mittelmäßige Platten zu machen. Ihre bisherigen Alben gelten entweder als brillant – oder als gnadenlos gescheitert.
(lacht laut und lange)

Nehmen Sie das Beispiel „Lulu“: weder kommerziell noch bei der Kritik ein großer Erfolg, eher im Gegenteil. Wie bewerten Sie selbst mit Abstand die Zusammenarbeit mit Lou Reed?
Ich bin dankbar, es gemacht zu haben. Wir haben viel von Lou gelernt … Und es war von Anfang an klar, dass dabei kein populäres Album herauskommen würde, darum ging es nicht. Es war ein Abenteuer. Wir akzeptierten seine Aufsässigkeit, respektierten ihn – und er hat sich auf uns eingelassen. Ich meine: Lou Reed hat UNS gefragt, ob wir seine Backing-Band sein wollen. Das muss man sich überhaupt erst mal vorstellen.

Wie man hört, war die Zusammenarbeit nicht immer leicht.
Wir durften alle Facetten seiner Persönlichkeit erleben. Interviews und Fotosessions mit ihm konnten durchaus gewöhnungsbedürftige Züge annehmen. Er war ein spezieller Typ, so viel steht fest.

Leute, die ihn kannten, sagen, dass sein öffentlicher und privater Charakter extrem differierten.
Ich glaube, das ist bei den meisten berühmten Musikern so. Man hat immer das Gefühl, dass man sich irgendwie schützen müsse. Man weiß nie so genau, wem man vertrauen kann. Ich selbst lasse die Leute auch nur bis zu einem gewissen Punkt an mich heran.

Immerhin hat David Bowie kurz vor seinem Tod gesagt, „Lulu“ sei Lou Reeds bestes Album seit einer halben Ewigkeit gewesen.
Ich habe es geliebt. Eine doppelte Ehrung für uns. Er spricht über unsere Arbeit mit einem seiner besten Freunde – und dann kommt das Lob auch noch aus dem Mund von David Bowie, den wir über alle Maßen verehren.

Inwiefern haben Sie diese Erfahrungen auf Ihre eigene Arbeit übertragen?
Gar nicht. Lars (Ulrich, der Drummer von Metallica, d. Red.) und ich haben Material gesichtet, uns durch 800 Riffs aus acht Jahren gewühlt. Was sich gut anfühlte, wurde weiterbearbeitet – der Rest flog raus. So arbeiten wir schon immer.

800 Riffideen bei zwölf Songs: daraus ergeben sich – hochgerechnet auf den Gesamtkatalog – knapp achttausend ungenutzte Ideen seit 1983. Eine sagenhafte Menge Material. Oder haben Sie alles weggeworfen?
Ich würde das am liebsten tun! Aber das ist mit Lars Ulrich nicht zu machen, völlig unmöglich. Er ist beinahe obsessiv davon besessen, Dinge zu katalogisieren. Lars sammelt absolut alles und wirft niemals irgendetwas weg. Insofern ist bei ihm zu Hause vermutlich jeder Ton gelagert, den wir jemals gespielt haben. Und ich meine wirklich ALLES.

Manchmal muss man Ideen eine Weile reifen lassen.
Ich verehre ihn für diese Fähigkeit, aber mir geht sie völlig ab. Mir gefällt die Idee, jedes Mal bei Null anzufangen. Etwas Frisches und Neues zu machen. Auch das gab es allerdings, der Titelsong entstand zum Beispiel komplett aus dem Nichts.

In den Texten entwerfen Sie apokalyptische Endzeitszenarien von der Unbelehrbarkeit der Menschheit, wie bereits im Albumtitel angedeutet. Das passt zur aktuellen Weltlage.
Hardwired to self destruction – das kommt aus einem Gespräch mit einem Freund. Wir fragten uns, warum wir beide immer wieder falsche, selbstzerstörerische Entscheidungen treffen. Meistens weiß ich vorher sogar, dass es nicht gut für mich ist. Aber ich tue es dann trotzdem. Und daraufhin sagte mein Freund: Maybe we just hardwired to self destruct. Selbstzerstörerische Tendenzen sind ein Teil von uns. Mit diesem Gedanken habe ich dann gespielt und ihn auf die gesamte Menschheit übertragen. Komischerweise kam ich zu einem optimistischen Ergebnis: Trotz aller Fehltritte und Katastrophen scheint es doch so etwas wie einen grundsätzlichen Glauben an das Richtige zu geben.

Die aktuelle Situation in vielen Teilen der Welt lässt mich diesen Optimismus nicht unbedingt teilen.
Leicht ist es nicht. Krieg, Hass, Wut, Neid – all diese Dinge waren immer da und werden immer da sein.

Auch in den USA gibt es eine Menge Wut und Hass. Es geht ein Riss durch die Gesellschaft, der sich in einem gnadenlosen Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump manifestiert hat – und in der für viele überraschenden Wahl von Trump zum nächsten Präsidenten.
Die Balance gerät ins Wanken, wenn man zu sehr ins Extrem geht, das sollte vermieden werden. Das gilt im eigenen Leben ebenso wie in der Politik. Wenn man auf Ausgewogenheit achtet, regelt sich alles andere von selbst. Ich persönlich neige dazu, die Dinge zu dramatisieren: „Wir sind am Arsch, oh Gott.“ Das ist grundsätzlich meine erste Reaktion. Aber so ist es nicht. Wir sind nicht am Arsch. Der große Knall ist nie gekommen.

Wo wir gerade dabei sind: Hat Lars Ulrich seine Koffer schon gepackt?
Was für Koffer, warum sollte er?

Er wurde vor einigen Wochen mit der Bemerkung zitiert, zurück nach Dänemark gehen zu wollen, falls Donald Trump die Wahlen gewinnt.
Keine Ahnung, ob er das wirklich gesagt hat, zu mir jedenfalls nicht. Aber hey, Kopenhagen ist eine tolle Stadt! Bisschen weiter Arbeitsweg vielleicht, aber das muss er wissen. (lacht)

Haben Sie eine Erklärung für Trumps Erfolg? Ich kann Ihnen nur eins sagen: Ich hasse Politik. Ich verachte Politiker für ihre ständigen Manipulationsversuche und ich würde nicht sagen, dass ihr Handeln irgendeinen Einfluss auf mein Leben oder das meiner Familie und der Band hat.

Politik setzt den Rahmen für dieses Leben …
Vor allem polarisiert sie und entzweit die Menschen. Genauso wie Religion übrigens. Wir alle wollen geliebt werden und das Gefühl haben, dass sich um uns gekümmert wird. Menschen wollen ein Teil von etwas Größerem sein. Diese Sehnsucht wird von politischen Parteien und religiösen Organisationen ausgenutzt. Aber egal, ob man Demokrat oder Republikaner ist: Wir sind alle eins, nichts sollte uns trennen. Wenn ich mit Leuten über Musik spreche, verbindet mich das mit ihnen. Geht es um Politik, passiert oft das Gegenteil.

Sie sprechen wohl nicht gerne über Politik?
Nur aufgrund der Tatsache, dass ich populär bin und erfolgreich, ist meine Meinung nicht mehr wert oder besser als die irgendeines anderen.

Ihre Bescheidenheit ehrt Sie, aber natürlich sind eine Menge Leute trotzdem an Ihrer Meinung interessiert.
Nehmen wir die Fakten: Wir sitzen hier auf einem winzigen Planeten, umgeben von einem unendlichen Universum. Das schmälert unsere Bedeutung dann doch ein bisschen, finden Sie nicht? Wenn wir der Meinung sind, vor diesem Hintergrund irgendeine größere Bedeutung zu haben, liegen wir leider falsch. Wir denken, wir hätten Macht. Und dann ist unsere Zeit auf diesem Planeten abgelaufen und es ändert sich absolut gar nichts. Was zum Teufel also glauben wir eigentlich, wer wir sind?

Dann sind Sie wohl eine Art pessimistischer Optimist, oder wie würden Sie sich bezeichnen?
Das trifft es ganz gut. Der erste Gedanke ist grundsätzlich pessimistischer Natur – und dann komme ich ins Überlegen. Die negative Seite kommt ganz von selbst, das ist ein Automatismus, damit kann ich mich immer identifizieren. Positive Gedanken erfordern Arbeit, man muss sich ein bisschen Mühe geben.

Wie kann diese Arbeit aussehen?
Erfahrung ist der Schlüssel. Erfahrungen zu machen – und dann die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und das bedeutet eben harte Arbeit. Vor allem zählen nur selbstgemachte Erfahrungen. Ich kann meinen Kindern hundertmal sagen: „Lass das besser bleiben, Daddy kennt sich da aus und würde es nicht empfehlen.“ Aber das ist ihnen vollkommen egal, sie müssen da selbst durch.

Sie haben ein privilegiertes Leben, verdienen eine Menge Geld, tun Dinge, die Sie lieben. Trotzdem werden Sie offenbar die Dämonen nicht los, die Sie seit der Kindheit in einer problematischen Christian-Science-Familie mit sich herumtragen. Ist Veränderung überhaupt möglich?
Bedingt. Man muss damit umzugehen lernen. Die Dinge, die man an sich selbst nicht mag oder die einem gefehlt haben, bei der Erziehung seiner Kinder zu kompensieren, ist übrigens keine Antwort: „Ich wurde als Kind nie umarmt, also umarme ich meine Kinder nun jede Stunde.“ Das funktioniert nicht. Man muss sich das einfach bewusst machen und dann die gesunde Mitte finden. Die härteste Herausforderung überhaupt im Leben.

Allerdings lebt die Musik von Metallica von Extremen. Tragen Sie noch genug Wut in sich, um diese Art von Musik zu machen?
Oh ja! Und wie. An manchen Tagen reicht meine Wut für die ganze Stadt. Dann bin ich aber auch wieder total gelassen und ausgeglichen. Grundsätzlich habe ich auf jeden Fall ausreichend Zugriff auf Wut als Energiequelle. Trotzdem denke ich nicht, dass Metallica ohne Wut nicht existieren könnten. Das ist einfach ein Teil von mir. Ich kann dem nicht entkommen, ich kann es nicht verstecken, ich kann es nicht ändern.

Können Sie es denn steuern?
Natürlich nicht. Wenn es so wäre, dürften Sie mich Gott nennen. Inzwischen kann ich aber die ersten Anzeichen deuten, ich kenne mich viel besser als früher. Dadurch kann ich oft besser damit umgehen.

Das verdankt sich vermutlich nicht zuletzt jenen Therapiesitzungen mit dem Psychiater Phil Towle, an denen dank der Dokumentation „Some Kind Of Monster“ die ganze Welt teilhaben konnte. Haben Sie Towles Dienste seitdem wieder in Anspruch genommen?
Ich habe unfassbar viel therapeutische Hilfe in Anspruch genommen – vor Phil und danach. Er war weder der erste noch der letzte. Aber ja, ich suche mir gezielt Hilfe, Führung in gewissen Fragen und Schutz. Und das habe ich früher eben nie getan.

Gibt es Leute, an denen Sie sich gezielt orientieren auf diesem Weg?
Ja, die gibt es. Ich war zum Beispiel schockiert, als Lemmy gestorben ist. Für mich war er wie ein Mentor. Dabei kannte ich ihn noch nicht mal so wahnsinnig gut. Ich war nicht ständig bei ihm zum Dinner eingeladen. Diese Ebene hatten wir nicht. Aber ich wusste genug über seine Integrität, seinen Humor, seine Unbestechlichkeit und die Art, wie er mit Erfolg umgegangen ist, dass ich zu ihm aufblicken konnte.

Es ist allgemein bekannt, dass Sie eine große Country-Leidenschaft pflegen. Nun kamen vor einigen Monaten Gerüchte auf, Sie wollten Metallica verlassen, um ein Country-Album aufzunehmen. Ist da etwas dran?
Grundsätzlich können wir alle tun und lassen, was wir wollen. Ich mag Country sehr und habe bereits in diese Richtung gearbeitet. Wir alle machen bisweilen andere Sachen, aber Metallica ist unsere große Liebe. Das wird sich niemals ändern.

Quelle: BZ

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